Orpheus in der Unterwelt

 von Jacques Offenbach

Besetzung: Antonio Rivera (Orpheus), Annette Regnitter, Kathrin Voss (Eurydike), Johannes Beetz, Mauricio Virgens (Pluto), Oliver Aigner, Sang-Ho Lee (Jupiter), Eva-Maria Falk, Isabell Schmitt (Cupido), Tanja Conrad, Esther Ribera (Öffentliche Meinung), Gesine Roth, Elisabeth Weingarten (Diana), Wolf H. Latzel, Carsten Rupp (Hans Styx), Judith Decker, Karolina Piontek (Venus), Johannes Richter, Julian Michael Rickert (Merkur), Stefanie Clausen, Carolina Riano Gomez (Minerva), Raika Maier (Hebe), Friederike Lechert, Marion Wildegger (Fortuna/Zerberus), Tobias Hänschke, Kang-Oh Lee (Mars), Martin Heim (Vulkan), Martin Hirner (Bacchus)

Bühne: Judith Kehrle / Kostüme: Saskia Vollmer / Ausstattungsassistenz: Miriam Putz / Licht: Garlef Kessler / Choreographie: Martin Hirner / Feuerbälle: Dorothee Breuer / Dramaturgie: Jens Kowsky / Musikalische Leitung: Sebastian Breuing

 

Eva-Maria Falk (links), Carsten Rupp (rechts), Orpheus in der Unterwelt, Regie: Sascha von Donat

 

 

Orpheus und Bohlen beim Seelenstriptease

 

Junge Kammeroper Köln zeigt eine bis in kleinste Details stimmige Aktualisierung von Offenbachs satirisch-gesellschaftskritischer Operette Jacques Offenbachs Operette "Orpheus in der Unterwelt" begeisterte am Samstag auf Einladung der Volksbühne in einer spritzigen Inszenierung der Jungen Kammeroper Köln im gut besuchten Saalbau.

Elegische Weisen klingen in kammermusikalischer Feinheit formschön aus dem Graben, mit fedriger Eleganz und schlankem, transparentem Klang lässt das Orchester unter dem präzisen und doch sehr subtilen Dirigat Sebastian Breuings spannungsvolle Erwartung aufkommen - doch was passiert auf der Bühne? Gelbe Plastikstühle stehen da in einer Reihe, wie im Wartezimmer. Mehrere Paare kommen nacheinander herein, tuscheln, setzen sich zurecht. Eine elegante Dame gesellt sich dazu - die "Öffentliche Meinung", mit vollem warmem Alt und affektiertem Gehabe verkörpert von Esther Ribera, hat in Sascha von Donats Inszenierung die Gestalt einer smarten TV-Talkmasterin angenommen, die eine Seelenstrip-Sendung "Gruppentherapie für Paare" moderiert. Und vor allem die in der antiken Mythologie doch so mustergültige Beziehung zwischen dem Sänger Orpheus (Antonio Rivera), hier allerdings ein auf sein gutbürgerliches Renommee bedachter selbstgefälliger Geigenprofessor mit klangschönem lyrischem Tenor und seiner attraktiven, aber frustrierten Frau Eurydike (Annette Regnitter) ist wohl eine wirklich völlig verfahrene Kiste.

Regisseur Sascha von Donat entwirft mit Judith Kehrle (Bühnenbild) und Saskia Vollmer (Kostüme) eine bis in kleinste Details stimmige Aktualisierung von Offenbachs satirisch-gesellschaftskritischer Operette. Himmel und Hölle, die Herrschaftsbereiche des gar nicht so tugendhaft-erhabenen Göttervaters Jupiter (Oliver Aigner) und des sexuell gleichfalls umtriebigen Pluto (Joh. Beetz) sind spiegelbildlich aufeinander bezogene Welten, in denen es um nichts besser zugeht als in der Mediengesellschaft auf der Erde. Parallelen zwischen Orpheus und Dieter Bohlen liegen nahe. Stimmlich wie darstellerisch überzeugend begeistert das junge Sängerensemble mit Spielfreude und komödiantischem Witz. Comedyeinlagen wie die Szenen mit dem nach Lethe, dem Wasser des Vergessens, süchtigen Hans Styx (Wolf H. Latzel), der als Diener Plutos Eurydike besoffen anhimmelt und ihr extrem auf die Nerven geht, reißen ebenso zu spontanem Applaus hin wie der furiose Can-Can am Schluss, bei dem sich scheinbar alles in Wohlgefallen auflöst: Orpheus wird seine ungeliebte Frau los, und wenn Jupiter sie schon nicht für sich haben kann, macht er sie eben zur Bacchantin!

30.10.2006 Von Konstanze Führlbeck, Westdeutsche Allgemeine

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