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Die Kleine Zauberflöte

Die eigene Bearbeitung von "Die Kleine Zauberflöte" wird auf Anfrage versendet

 

Das Spiel ist aus

Eine Theaterfassung (für 14 Personen) von J.-P. Sartres Drehbuch ist derzeit in Bearbeitung.

 

Mogelpackung - Leben und Sterben mit Helmut (Auszüge)
 

Das wahre Leben

Erzählung von Sascha von Donat

 
Ich wurde an der Hüfte gepackt und in die Höhe gerissen. Klar hab ich versucht zu schreien. Aber sie hatten mir ein Gummi in den Mund gestopft. Es war unmöglich, Hilfe zu rufen.
Eine mir unbekannte Frau mit dunklen Augenbrauen grinste mich blöde an. Wütend spuckte ich das Gummi in ihre Richtung. Daneben!
Warum hatten mich die Leute hier hergebracht? Was wollten sie von mir?
Ein mehrstimmiger Gesang schallte durch das Gewölbe und ein beißender Geruch lag in der Luft. Benommen versuchte ich, mich zu erinnern, ob ich so was schon mal gerochen hatte. Da zischte jemand schrill meinen Namen:
„Helmut.“
Es war eindeutig die Stimme meiner Mutter. Was hatte sie mit all dem zu tun?
Keine Zeit für Grübeleien. Ein Schwall kalten Wassers traf mich mitten ins Gesicht. Ich zitterte. Schon lief es mir in Mund und Nase. Im Hintergrund vollführte ein bärtiger Mann seltsame Rituale. Ich röchelte und bekam kaum noch Luft.
`Nein, das könnt ihr nicht mit mir machen`!
Ich schrie bis mir schwarz vor Augen wurde. Nur noch entfernt nahm ich wahr, wie der fremde bärtige Mann murmelte:
„... und hiermit taufe ich dich auf den Namen Helmut“.
Von da an ging´s nur noch bergab ...
 
 
 
 
Samstag, 24. August 2002
 
In einem Monat werde ich 17. Feiern werde ich nicht. Es wird keinen Kuchen geben, keine Kerzen und keine Freunde. Auch keine Geschenke oder Glückwünsche. Manchmal muss man Entscheidungen treffen. Sogar solche, die anderen weh tun.
Aber was soll´s. Mein Sozialverhalten entspricht nicht der Norm. Das habe ich schwarz auf weiß. Ich gelte als „schwer erziehbar“ und „verhaltensauffällig“.
Eigentlich versuche ich nur, mich so gut es geht durchs Leben zu schlagen und es allen recht zu machen. Wenn ich das ein oder andere Mal übertrieben reagiert habe, dann nur, weil ich sensibler bin als andere.
„Du biegst dir die Vergangenheit zurecht, wie es dir in den Kram passt. Es ist unmöglich, dass du konkrete Erinnerungen an deine Babyjahre hast.“
Vermutlich sagte mein Vater das nur, weil er nicht wahrhaben wollte, dass ich trotz seines kümmerlichen Erbmaterials so geniale Fähigkeiten entwickeln konnte: Ich brauche nur Weihrauchduft einzuatmen und schon werden die Erinnerungen an meine Taufe wieder wach. Deutlich wie in einem THX-Film spielen sich die Ereignisse nochmals ab. Gerüche haben diese besondere Wirkung auf mich. Mit ihnen verbinde ich markante Augenblicke meines Lebens. Zum Beispiel wenn ich Lavendel rieche, muss ich unweigerlich an den Wintermorgen zurückdenken, an dem mich meine Mutter für mehrere Stunden in den Kleiderschrank sperrte - ein Vorfall, von dem sie standhaft behauptet, er sei „pure Einbildung“. Nur ein einziges Mal, am 16. April 1999, räumte sie ein, dass `die leidige Kleiderschrankgeschichte´ wahr gewesen sein könnte. Es habe sich aber nur um ein Versehen gehandelt. Außerdem sei ihr mein Verschwinden nach spätestens fünf Minuten aufgefallen und sie habe mich direkt befreit.
Es ist verwunderlich, wie leicht sich manche Leute in Widersprüchlichkeiten verstricken. Ich habe mir angewöhnt, regelmäßig Notizen zu machen. Das hilft mir, die Geschehnisse richtig wiedergeben zu können.
Ich verüble meinen Eltern nichts. Was können sie dafür, dass sie nicht zu den Klügsten zählen? Schließlich sind sie meine Eltern. Darum liebe ich sie.
Ich unterscheide mich kaum von anderen Jungs meines Alters, nur dass mein Hirn anders konstruiert zu sein scheint. Der Mechanismus, der dafür sorgt, dass nach und nach alle negativen Erlebnisse verdrängt und durch hübsche Erinnerungen ersetzt werden, der fehlt bei mir gänzlich.
Darum verkläre die Vergangenheit nicht und nehme mein Leben als das, was es ist. Selbst Jahre später blende ich manche schmerzlichen Details nicht aus. Wenn ich mich erinnere, erlebe ich die tausend kleinen Tode des Alltags immer wieder aufs Neue.
 
 
 
 
Ich heiße Helmut
 
Ich heiße Helmut, und das ist nicht lustig. Aber viele Dinge im Leben sind nicht zum Spaßen. Ich muss da durch. Ich heiße Helmut.
Ist `Helmut´ aber nicht ein besonders ätzender Name? Na, zugegeben, es gibt auch Namen wie Friedhelm, Siegfried, Eugen oder Eberhard. So zu heißen, wäre vielleicht noch schlimmer. Aber das tröstet mich nicht.
Ich bin weder blond oder blauäugig noch sehe ich germanisch aus. Meine Mutter ist Syrierin. Da ist das nicht weiter verwunderlich.
Ihre Herkunft wird in der Öffentlichkeit natürlich nicht groß rausgekehrt. Meine Eltern sind Mitglieder im örtlichen Schützenverein, lieben germanisches Liedgut und der Großteil unserer Wohnungseinrichtung entstammt einem skandinavischen Einrichtungshaus. Auch sind meine Alten äußerst umsichtig, was die Nachbarn betrifft. Selbst früher, als Araber noch nicht automatisch als Attentäter galten, wurde bei uns zu Hause immer schon deutsch geredet.
Meine Mutter beherrscht den kosmopoliten Umgangston der oberen Mittelschicht sogar so perfekt, dass alle denken, der Ton ihrer Haut sei ein Produkt der neuen Ergoline Avantgarde 600 aus dem `Sunpoint´ an der Dürener Strasse. Nie würde jemand wagen, ihr eine morgenländische Abstammung zu unterstellen.
Weil ich ein Junge bin, fürchteten meine Eltern jedoch, dass es bei mir anders sein könnte. Und um auf Nummer sicher zu gehen, ließen sie mich nicht nur katholisch taufen, sondern suchten sich auch noch diesen urdeutschen Namen aus.
Doch meine Eltern können mir nichts vormachen. Auch wenn sie noch so bemüht sind, so zu leben wie die deutschesten Deutschen, fühlen sie sich viel fremder in diesem Land, als das bei mir je der Fall sein wird. Sobald es um Ausländer geht, überschwemmt sie eine Woge des Mitgefühls. Das geht sogar so weit, dass, wenn wir alle vor der Glotze hängen, Mama und Papa sich persönlich angegriffen fühlen, wenn der gelackte Wetterfritz vom ZDF durch ein Stirnrunzeln durchblicken lässt, wie sehr er verabscheut, dass manchmal auch noch Tiefdruckgebiete von der Türkei nach Deutschland ziehen.
Ich bin da anders. Was auch gesagt wird – ich bleibe cool. Mich geht das ganze Getue um die Ausländer nichts an. Ich halte mich raus und mache das nicht zu meinem Problem.
Um ehrlich zu sein, bin ich sogar froh, kein teures Geld für Urlaubsreisen ausgeben zu müssen, nur um mich stundenlang in der Sonne braten zu lassen und mir einen Sonnenbrand einzufangen. Nein, ich habe von Natur aus einen bräunlichen Teint.
Wie ich bereits in meiner frühen Kindheit feststellen musste, beneidete mich trotzdem nie einer um meine Hautfarbe. Besonders die Erwachsenen. Die schauten meist an mir vorbei und taten so als sei ich Luft. Das störte mich nie sonderlich. Blöd fand ich es nur, wenn sie ihren Kindern verboten, mit mir zu spielen.
Ich heulte deshalb nicht gleich. Nein, ich war eher stolz darauf, so eine Art Einzelgänger zu sein, ganz wie die lässigen Cowboys in den Western mit Altersbegrenzung. Mir war schon als Sechsjähriger klar: Die besten Spiele spielt man sowieso mit sich selbst.
Nur ganz manchmal wurde mir halt ein wenig langweilig. Na gut, ab und zu sogar sehr langweilig. Darum freute ich mich lange auf den 2. September 1992.
Als ich an diesem Morgen aufbrach, um endlich eingeschult zu werden, spürte ich schon, daß sich künftig einiges verändern würde. Papas Vorschlag, mich - womöglich gar Händchenhaltend(!) - zur Schule zu begleiten, hatte ich erfolgreich abgewehrt. Wäre schließlich peinlich gewesen, wenn mich einer meiner Mitschüler so gesehen hätte. Als Papasöhnchen zu gelten ist zwar lang nicht so schlimm, wie noch an der Nabelschnur zu hängen, aber sicher ist sicher. Ich wollte den ersten Schultag alleine packen und hoffte, daß mein langweiliges Dasein als Außenseiter von nun an beendet sei.
Um eine bestmögliche Ausbildung zu ermöglichen, hatten meine Eltern all ihre Verbindungen spielen lassen und durchgesetzt, daß ich auf die Karl-Lagerfeld-Grundschule kam. Von dieser teuren Privatschule versprachen sie sich eine gute Ausbildung. Außerdem nahmen sie an, dass unter den Kindern reicher Eltern keine Jungs wären, die es nötig hätten, mir durch das Kassieren von Schutzgeldern das Leben schwer zu machen.
Beim Betreten des Klassenzimmers hatte ich ein bisschen Bammel. Würde ich mit meinen Mitschülern wirklich klarkommen? Natürlich waren deren Einschulungstüten mit Geldscheinen und leckerem Schokoladenkonfekt gefüllt, während in meiner nur Mandarinen und Äpfel lagen.
„Wie beim Türken um die Ecke“, schrie ein Mädchen, als ich ihr ein Tauschgeschäft vorschlug, „der versucht auch immer, seine faulen Tomaten billigst loszuwerden.“
Später boten mir ein paar Kinder dennoch etwas von ihrer Schokolade an. Dafür hatte ich zwar einwilligen müssen, im Pausenspiel die Rolle des `Asylanten´ zu übernehmen, den sonst keiner spielen wollte. Aber was machte das schon?
Als `Asylant´ darf man nicht mitentscheiden und wird immer weggeschickt, wenn die anderen feiern. Auch muss man schon mal ´n paar Rippenstöße in Kauf nehmen, sollte man versehentlich fließend Deutsch sprechen. Trotzdem fand ich es klasse. Sie hatten mich integriert. Was war schon dabei, ab und zu mal nicht dabei sein zu dürfen? Schließlich gab es ja auch den anderen Teil des Spiels, wo wir alle zusammen Spaß hatten, die anderen und ich. Das reichte mir völlig, um glücklich zu sein. Mein Hochgefühl wurde auch nicht dadurch getrübt, dass mich von der ersten Stunde an alle nur noch Ali nannten.
Wahrscheinlich wären die anderen Kinder und ich über kurz oder lang gute Freunde geworden, wenn nicht schon eines der ersten gemeinsamen Spiele so tragisch geendet hätte. 
Es war in der zweiten großen Pausen auf dem Schulhof. Ich musste diesmal einen türkischen Müllmann spielen und hielt mich prima.
„Jetzt fehlt nur noch“, rief Tina, das kleinste Mädchen in der Gruppe, „dass Ali auch so stinkt wie ein Müllmann“. Also schmierten zwei Jungs gleich ein bisschen Hundekacke an meine Hose und gossen etwas Benzin aus einem Kanister über meinen neuen Anorak.
Das gab dem Spiel einen voll realistischen Touch, und wir waren alle ganz vergnügt bis einer der älteren Jungs nur so zum Spaß begann, mich mit einem brennenden Feuerzeug über den Spielplatz zu jagen und "Ali, hau doch ab nach Bali" hinter mir herzubrüllen. Als meine Kleidung schließlich Feuer fing, mussten die anderen tatenlos zusehen, wie ich unter großem Geschrei vor ihren Augen verbrannte.
Bei der Trauerfeier waren fast alle Lehrer, Eltern und Schüler da. Der Direktor, der mich eigentlich gar nicht gekannt hatte, betonte immer wieder in seiner Ansprache, was für ein guter Kerl ich gewesen sei und wie mühelos man mich in die Klassengemeinschaft aufgenommen hätte. Auch hob er mehrmals hervor, wie sehr er selbst diesen tragischen Zwischenfall bedauere, und im Schlusssatz seiner Rede, der viele Zuhörer zu Tränen rührte, rief er zu einer großen Lichterkette auf. Er konnte ja nicht ahnen, dass mit einer meiner Gedenk-Kerzen später das Asylbewerberheim Ecke Ödön-von-Horvath-Strasse/Birkenalle angezündet werden würde.
 
 
 
Montag, 24. Juni 2002 (zwei Monate zuvor)
 
Manchmal neige ich dazu, Dinge zu übertreiben. Aber wer tut das nicht? Da ich ein toleranter Mensch bin, akzeptiere ich alle Eigenheiten anderer Leute und gehe davon aus, dass sie es auch so halten. Leider ist das ein Trugschluss. Viele mischen sich gerne in fremde Angelegenheiten und sind sich nicht mal bewusst, was sie damit anrichten.
Die beiden `Jung-Bullen´ hätten es wirklich bei einer Verwarnung belassen können. Aber als frische Absolventen der Polizeiakademie mussten sie wohl beweisen, wie ernst sie ihren Job nehmen. Sie ließen es nicht dabei bewenden, nur meine Personalien aufzunehmen, sondern eskortierten mich gleich persönlich nach Hause.
Es gab einen Mordsärger. Meine Eltern sind richtig ausgetickt. Da die staatliche Strafverfolgung nicht reichte, ergriffen sie zusätzlich persönliche Maßnahmen. Eine solche Überreaktion habe ich bei ihnen nie zuvor erlebt.
Jetzt sitze ich Frau Stepan gegenüber. Sie ist Spezialistin für welche wie mich und soll beurteilen, was weiter zu tun ist.
Meine Alten haben entschieden, sich nicht länger um mich zu kümmern. Ich hätte nie gedacht, dass so was möglich ist. Ist es aber. Meine Mutter ist zum Jugendamt gegangen, hat ein paar Formulare ausgefüllt und mein Vater stellte einen monatlichen Wechsel aus. Knapp fünf Wochen hat die Prozedur gedauert. Doch jetzt steht fest: Künftig wird Frau Stepan die Verantwortung für meine Erziehung übernehmen.
Als ich ihr Besprechungszimmer betrat, hat sie mich fast wie einen alten Freund begrüßt. Dann vergingen zehn Minuten in denen wir uns wortlos angafften.
Frau Stepan trägt ein eng anliegendes graues Flanellkostüm. Ihr braunes Haar ist ordentlich zusammengesteckt. Nur eine dunkele Strähne hat sich gelöst und fällt gelockt über ihr Gesicht. Vielleicht mit Absicht? Eine modische Brille mit Silberrand hebt das Blau ihrer wachsamen Augen besonders hervor. Direkt vor ihr liegen ein kleines Notizbüchlein und ein Kugelschreiber. Sonst ist der Schreibtisch leer.
Nochmals fünf Minuten vergehen, ohne dass wir ein Wort wechseln. Das Büro ist nüchtern eingerichtet. Glatte Flächen, ein moderner Schreibtisch, im Regal nur wenige Bücher. Die Teppiche sind antik. Sie verdient wohl ganz gut als Spezialistin für jugendliche Härtefälle.
Das lange Schweigen scheint sie nicht das kleinste bisschen mürbe zu machen. Hat sie Spaß daran, so mit mir die Zeit zu verplempern? Inzwischen hat Frau Stepan eine Unterlage aus der Schublade genommen und liest darin. Vielleicht genießt sie es, sich nicht mit mir befassen zu müssen. Ob sie pro Stunde bezahlt wird?
Ich trete mit leichtem Schwung gegen eines der Schreibtischbeine.
„Willst du reden?“
 „Hätte ich reden wollen, wäre die letzte Viertelstunde kaum so schweigsam verlaufen.“
„Da magst du recht haben.“
Frau Stepan hat nicht mal von ihrer Lektüre aufgeschaut. Natürlich ist es mir egal, ob sie mich beim Reden anschaut. Trotzdem nehme ich das irgendwie persönlich.
In Zukunft werde ich sie dreimal die Woche sehen, so die Entscheidung des Jugendamts. Wenn alle Nachmittage mit ihr so verlaufen, kann das ja heiter werden...
Um uns weitere Langeweile zu ersparen, erzähle ich von meiner Einschulung und dem Desaster. Ich tue das weil ich ihr nicht länger beim Lesen zuzugucken will oder zuviel Stille auf Dauer nicht ertragen kann. Ich weiß es selbst nicht so genau.
Über solche wie sie muss ich mich noch schlau machen. Ich hab mal gehört, dass man bei Leuten im sozialen Bereich immer Punkte macht, wenn man ihnen schlimme Kindheitserinnerungen auftischt. Vergangenheitsbewältigung und so, das turnt die an.
Ich erzähle und erzähle. Frau Stepan klappt ihre Unterlagen zu und legt sie beiseite. Ohne ein einziges mal zu unterbrechen, hört sie sich die ganze Story an. Erst als ich geendet habe, sucht sie meinen Blick. Sie schaut mir geradewegs in die Augen.
„Du bist nicht tot.“
Ich blinzelte nicht. Solche wie sie achten immer darauf, ob man blinzelt oder nicht. Denn wenn man blinzelt, meinen sie, dass man lügt.
„Sehr schlau. Natürlich bin ich nicht tot. Wie könnte ich jetzt sonst bei einer Therapeutin sitzen?“
„Ich bin keine Therapeutin sondern Pädagogin. Sozialpädagogin.“
„Sie sollen mich ausquetschen.“
„Ich soll dir helfen.“
Frau Stepan ist eine gute Zuhörerin. Vielleicht ist das der Grund, warum sie sich für diesen Beruf entschieden hat. Rein äußerlich gesehen, könnte sie auch einer normalen Tätigkeit nachgehen. Beispielsweise als Bankkauffrau, Visagistin oder Redakteurin einer Frauenzeitschrift hätte sie sicher ebenso gut Karriere machen können. Sie sieht nämlich gar nicht so schlecht aus.
„Sie sehen nicht aus wie eine Sozialpädagogin.“
„Mit selbstgestricktem Pullover und Birkenstockschuhen?“
„Ja, vielleicht.“
„Sowas steht mir nicht.“
„Da haben Sie wohl recht.“
In dem vor ihr aufgeschlagenen Notizbüchlein steht noch immer nichts. Ob sie mir nicht zeigen will, was sie als wichtig einstuft und alles erst aufschreibt sobald ich weg bin?
„Helmut. Was glaubst du eigentlich, warum du hier bist?“
Gute Frage. Ich weiß es nicht. Bisher bin ich ohne jemanden wie Frau Stepan bestens über die Runden gekommen. Ob die Sitzung noch lange dauert?
„Warum meinst du, haben uns deine Eltern um Hilfe gebeten?“
Meine Mutter sagte, unser Familienleben sei nicht mehr intakt. Sie fragte sich, wie es nur dazu kommen konnte. Wir hätten uns in letzter Zeit so entfremdet. Darum müsse endlich etwas unternommen werden. Als meine Mutter mit ihren Tiraden anfing, verließ mein Vater das Wohnzimmer. Er hält sich immer raus wenn meine Mutter emotional in Fahrt kommt.
„Keine Ahnung. Woher soll ich das wissen?“
„Es ist deinen Eltern bestimmt nicht leicht gefallen, sich an uns zu wenden. Familiäre Probleme nach außen zu tragen, das erfordert eine Menge...“
„Wenn meine Eltern Probleme haben, warum sitzen sie dann nicht hier, sondern ich?“
„Helmut. Deine Mutter hat sich...“
„Ich will nicht über meine Eltern reden.“
„Gut. Reden wir über was anderes.“
„Über was denn?“
„Es gibt eine Menge Dinge, die mich interessieren.“
Ich sehe Frau Stepan an. Will sie mich reinlegen?
„Was denn zum Beispiel? Was interessiert eine wie Sie an einem wie mir?“
 „Dein neuer Job zum Beispiel. Du hast doch die letzten zwei Wochen am Theater gearbeitet, nicht? Das muss doch interessant für dich gewesen sein.
 
 
Kunst & Pommes
 
`“André Brouwers wird überleben“, so der Chefarzt des St. Johann Hospitals, in das der belgische Regisseur gestern eingeliefert wurde. Bei einem Arbeitsunfall, der sich während der Generalprobe zu seiner Cosi-fan-tutte-Inszenierung ereignete, zog er sich schwere Verletzungen zu. Wie das Krankenhaus mitteilt, handelt es sich um zwei Frakturen am rechten Oberschenkel, vier gebrochene Rippen, diverse Prellungen und innere Blutungen. Bei der heutigen Premiere wird Brouwers nicht anwesend sein können. Weitere Nachrichten über seinen Gesundheitszustand folgen morgen mit der Aufführungskritik.´
Mehr stand nicht drin, in der Tageszeitung. Statt eines ausführlichen Berichts bloß diese Kurzmitteilung im Lokalteil. Brouwers hatte seine letzten Worte vor dem Unfall direkt an mich gerichtet. Trotzdem wurde ich mit keinem Wort erwähnt. Typisch! Da habe ich mal mit einem Promi zu tun, und für mich fällt nicht das kleinste Fitzelchen Ruhm ab.
Seit zehn Tagen bin ich Sklave bei den Städtischen Bühnen. Die offizielle Bezeichnung ist `Aushilfe in der Requisite´. Der Standardlohn liegt bei 30 Euro am Abend, und für die Tagesschicht kriegt man noch mal das selbe. Mit dem Geld kann man zwar keine großen Sprünge machen, aber als Aufbesserung des Taschengeldes ist es nicht zu verachten. Mein Problem ist nur: Ich verdiene keinen Heller. Ich mache den Job sozusagen ehrenamtlich.
Warum ich dem hoch subventionierten Stadttheater 60 Eier pro Tag in den Rachen schiebe? Gute Frage! Es vergeht kaum eine Stunde, in der ich nicht darüber nachdenke, was mir in zwei Wochen Arbeit alles an Geld entgeht: 14 mal 60 Euro sind 840 Euro, also 56 nagelneue CDs, ein ALDI-Computer mit Pentium IV Prozessor, 1680 Kinder-Überraschungseier, 560 Auto-Skooter-Fahrten, eine vollständige Campingausrüstung oder ein Pauschalurlaub mit Halbpension in Gran Canaria! Ich darf gar nicht daran denken!
Dass ich auf das Geld verzichte, hat weder mit Edelmut noch mit Liebe zur Kunst zu tun: Vor ein paar Tagen wurde ich dummerweise im WOM beim Klauen erwischt.
Ich mag das WOM. Es hat eine riesige CD-Auswahl und ist gut sortiert. Da es den Kunden aber horrende Preise abverlangt, kann man nur sagen: Wer da nicht klaut, sondern zahlt, ist plemplem!
Als ich vom Geschäftsführer zur Rede gestellt wurde, habe ich das natürlich nicht gesagt. Ihm habe ich tief empfundene Reue vorgeheuchelt. Und als das nicht zog, habe ich Krokodilstränen geweint, um die mich selbst die Feldbusch beneidet hätte. Ja, wenn es nicht um echte Gefühle geht, kann ich Weinen wie ein Weltmeister. Trotzdem hat mich der Pingel angezeigt! So kam es, dass mich der Jugendrichter zu zwei Wochen Sozialarbeit im Stadttheater verdonnert hat.
Zugegeben, es gibt Schlimmeres: zum Beispiel Dienst im Altersheim, wo man hinter den nicht mehr stubenreinen Insassen herwischen muss. Oder Grünflächenbepflanzung! Aber trotzdem ist der Theaterjob Arbeit, und das für nichts und wieder nichts! Und unbezahlte Arbeit ist halt nicht jedermanns Sache. Mir jedenfalls würde nicht mal im Traum einfallen, freiwillig ein soziales Jahr in Costa Rica einschieben, um für lau die Eier von vom Aussterben bedrohten Riesenschildkröten zu retten, oder eine MISERIOR-Kollekte anzuleiern, ohne selbst etwas einzustreichen. Nein: Knete ist Knete und will verdient sein.
Als Requisiteur kümmert man sich um Requisiten. Das sind alle beweglichen Gegenstände, die in einem Theaterstück vorkommen. So dachte ich jedenfalls. Am Stadttheater ist das nämlich ein bisschen anders: Sobald ein Gegenstand (z.B. eine Uhr) an der Wand montiert ist, ist er kein Requisit mehr. Dann ist das Deko, klaro? Nicht-Requisiten sind außerdem Möbel, Waffen, elektrische Geräte (egal ob sie funktionieren oder nicht) und alle Sachen, die von Darstellern getragen werden oder aus Stoff sind. Dafür gibt es jeweils besondere Abteilungen, deren Zuständigkeit `wir von der Requisite´ natürlich anstandslos respektieren.
Anfangs habe ich bei vielen Dingen irrtümlich angenommen, dass sie Requisiten sind. Zum Beispiel als neulich einer völlig entnervter Hospitant ankam, weil die Tonabteilung ihn zu uns geschickt hatte. Er brauchte ein Radio. Ich wollte schon im Fundus nachsehen, da wurde mir erklärt, dass Radios leuchten, wenn man sie anmacht und darum natürlich zur Beleuchtung gehören. Als der Hospitant das hörte, brachte ihn das völlig zur Verzweiflung. Dort hatte er mit der Suche angefangen. Kein Wunder, dass am Theater so durchgeknallte Typen rumrennen.
Trotzdem finde ich den Job cool. Und das nicht, weil wir hier ´ne laue Kugel schieben. Nein, ganz im Gegenteil: Es gibt eine Menge zu tun und Ute, meine Chefin, wird nicht müde zu erklären, wie überbelastet unsere Abteilung ist. Und da Ute schon 15 Jahre am Theater arbeitet, muss sie es ja wissen.
Außerdem gibt es tatsächlich mehr Requisiten als man denkt, die weder von Darsteller getragen werden, noch Waffen oder Möbel sind, die auch nicht montiert wurden oder in den elektrischen Bereich fallen. „Unsere“ Requisiten sind fast ausschließlich Nahrungsmittel und Essenszubehör, wie Schüsseln, Gläser, Teller und Bestecke. Weil Geschirr leicht kaputtgeht, stellen wir es den Produktionen aber erst ab der Generalprobe zur Verfügung. Das gleiche gilt natürlich für das Essen selbst.
„Sonst würden die Darsteller uns armfressen – und wir müssen ja sparen“, meint Ute. Sie redet viel und gern, besonders über den Theaterbetrieb. Das mit den Sparmaßnahmen zum Beispiel ist ein echtes Problem, meint Ute. Früher hat es mehr Geld gegeben. Damals wurden die Leute noch am Theater selbst ausgebildet, die Aushilfen noch nicht vom Amtsgericht zugeteilt und bei den Premierenfeiern gab es freies Essen und Trinken für alle. Diese Gratisbewirtung war das erste, was der Intendant abgeschafft hat. Es sei ihm einfach zu peinlich gewesen, mit anzusehen, wie sich die auf der Bühne so manierlich wirkenden Darsteller nach der Vorstellung über das Büfett hermachten.
„Darsteller sind arme Schweine“, sagte Ute mir einmal im Vertrauen. „Sie verdienen noch weniger als die Pförtner und Kulissenschieber. Kein Wunder also, dass sie sich sofort aufs Essen stürzen, sobald es mal was umsonst gibt.“
Vielleicht ist das auch der Grund, warum die Requisitenabteilung theaterintern so beliebt ist. Ute ist nämlich nicht nur eine bessere Köchin als die Kantinenchefin - die Gerichte, die sie für die Vorstellungen zubereitet, kosten auch nichts. Wenn die `Kasper´ längere Auftrittspausen haben, kommen sie oft in unser Büro und sehen nach, ob Reste übriggeblieben sind, nachdem die Gerichte von der Bühne getragen wurden. Oder sie trinken nur einen Kaffee. Den spendieren wir ihnen.
„Wir sind ja keine Unmenschen“, sagt Ute immer wieder gerne. In Wirklichkeit ist sie aber nur am Theaterklatsch interessiert. Vom wohltuenden Kaffee angeregt, erzählen die `Gaukler´ nämlich gerne, wer gerade mit wem was hat und wessen Gage besonders gedrückt wurde. Auch immer wieder für Gesprächsstoff sorgt der unbeliebteste Mensch am Theater. Das ist André Brouwers, der Regisseur von `Cosi fan tutte´. Die Sänger mögen ihn nicht, weil sie kein homoerotisches Verhältnis zwischen `Ferrando´ und `Guglielmo´ in Mozarts Oper erkennen wollen und Brouwers eben dieses in seiner Inszenierung besonders hervorheben will. Die Chormitglieder können ihn nicht ausstehen, weil er sich auch während der Chorproben nur mit den Solisten beschäftigt und sie nur dumm rumstehen. Und die Techniker hassen ihn, weil sie ständig an der Seitenbühne parat stehen müssen, auch wenn es nichts für sie zu tun gibt. Kein Wunder also, dass ein regelrechter Ideenwettstreit ausgebrochen ist, darüber wie man Brouwers am besten um die Ecke bringen könnte. Sollte man ihn in ein Seil gewickelt mit einem Punktzug im Schnürboden verschwinden lassen? Oder ihn in den nicht mehr genutzten Fundus einsperren? Oder ihn mit dem Eisernen Vorhang plattmachen? Die Meinungen gehen auseinander. Jedenfalls vergeht kaum ein Tag ohne neue Vorschläge für seine Beseitigung.
Wenn ich nicht damit beschäftigt bin, Flaschen im Flaschenfundus zu ordnen oder Zwiebeln zu schälen (beides Dinge, die Ute nicht gerne selber macht), darf ich bei den Cosi-Proben zusehen. Die Musik klingt zwar altertümlich, aber die Sängerin, die das Dienstmädchen spielt, ist richtig klasse. Um die Schönheit ihrer Stimme in vollen Zügen genießen zu können, hält man bei ihren Arien unweigerlich den Atem an. nur um keine lästigen Nebengeräusche zu erzeugen, die der Klarheit des Gesangs den Zauber nehmen könnten.
Neben einer Sängerin wie Daria Olganova könnte selbst Brittney Spears einpacken. Daria braucht nur die Bühne zu betreten und schon nimmt sie den ganzen Raum ein. Nicht weil sie so fett ist, sondern weil sie mit ihrem Spiel ganz natürlich das gesamte Geschehen auf der Bühne bestimmt. Trotzdem hat sie keinerlei Starallüren. Wenn sie gerade nicht dran ist, setzt sie sich manchmal zu mir. Dann lästern wir zusammen über die anderen Soprane am Haus. Da vergeht die Zeit viel schneller, als wenn man Flaschen nach Größen, Jahrgängen oder Inhalten in Regale sortiert.
Dass am Theater wirklich überall gespart wird, sieht man schon beim ersten Blick auf das Bühnenbild. Es gibt keine Hintergrundprospekte, kein Bodentuch und keine Umbauten. Nur eine Einheitsdekoration, die aus einer Frittenbude und einem Kondomautomaten besteht. Ob die Anschaffung des Automaten wirklich notwendig sei, darüber wurde lange gestritten. Er wird nur ein einziges Mal angespielt: Zu Beginn der Oper, wo es nur Musik gibt, geht einer der Jungs zur Frittenbude, überlegt kurz, und entscheidet sich, sein Geld lieber für Kondome als für Fritten auszugeben. Und das war´s dann auch schon mit der rechten Bühnenhälfte.
„Damit bezieht sich Brouwers auf die Magnumwerbung von 1999“, raunte mir ein Typ zu, der sich ohne zu fragen bei einer der Proben auf den Platz gesetzt hatte, den ich immer für Daria freihielt. Der Mann roch nach Schweiß, trug einen schmuddeligen Rollkragenpullover und giggelte, nachdem er das mit dem Kondom gesehen hatte, noch mindestens zehn Minuten lang vor sich hin.
„Die blöden Abonnenten werden diese geniale Anspielung sicher wieder nicht verstehen. Aber was wissen die schon.“
Nachdem er das kundgetan hatte, zog er eine Zeitung aus der Tasche und verbrachte den ganzen Rest der Oper damit, den Politikteil von vorne bis hinten durchzulesen, ohne dem Bühnengeschehen weiter Beachtung zu schenken.
Als ich Ute später fragte, was zu tun ist, wenn sich dieser Verrückte nochmals in den Zuschauerraum verirrt, sagte sie mir, dass alles seine Richtigkeit habe. Der Typ heiße Achim, sei Dramaturg und gehöre darum auch irgendwie zum Theater. Wirklich seltsame Gestalten arbeiten hier!
Der skurrilste von allen ist eindeutig André Brouwers. Weil er berühmter ist als seine meisten belgischen Kollegen, trägt er eine unaussprechliche Extravaganz zur Schau. Das sieht man schon daran, dass er nirgendwo auftaucht, ohne nicht mindestens drei Assistenten im Schlepptau zu haben.
Mit einem der Assistenten hab ich mich mal unterhalten. Ein netter Kerl, aber total frustriert, weil er selbst nicht inszenieren darf. Schon lange träumt er davon, ein Stück von Sarah Kane auf die Bühne zu bringen. Das ist eine junge wilde und zugleich manisch depressive Autorin, die vor kurzem Selbstmord begangen hat. Er meint von sich, ihre Stücke besonders gut zu verstehen.
Wenn Brouwers einen Raum betritt, kann man es spüren. Er strömt eine irre Energie aus und alle im Haus tun sofort, was er anordnet. Schon deshalb, weil Brouwers immer einen knallroten Kopf bekommt und das ganze Theater zusammenschreit, sobald etwas nicht nach seinem Willen abläuft. Dann treten seine Halsschlagadern mächtig hervor und er wird zum zweiten Jean-Claude Van Damme. Keiner ist so lebensmüde, ihm in diesen Situationen noch querzukommen. Alle versuchen nur noch, sich so glimpflich wie möglich aus der Affäre zu ziehen.
Manchmal hat Brouwers aber auch diese besonders ruhigen Momente. Alle müssen dann ganz still sein, keiner darf mehr über die Bühne gehen und der Meister denkt minutenlang nach, bis er eine Inspiration hat. Es war angeblich einer dieser meditativen Augenblicke, in dem er die Idee entwickelte, `Cosi fan tutte´ an einer Frittenbude spielen zu lassen. Er parodiere damit, wie er sagt, einen amerikanischen Regisseur, der den Handlungsort der Oper in eine Fast-Food-Kette verlegte. Alle, die sich im Musiktheater auskennen, sind hin und weg von dem Frittenbuden-Einfall.
Gestern war Generalprobe. Da gab es eine Menge zu tun. Zum ersten Mal musste richtiges Essen zubereitet werden. Ute wusste natürlich, dass mit Belgiern nicht zu Spaßen ist, wenn es um Fritten geht, und gab sich große Mühe. Sie schälte Kartoffeln, schnitt sie in Streifen und frittierte die Pommes fachgerecht zweimal. Als sie damit fertig war, half ich ihr, dreißig kleine Portionen Mayonnaise auf die Durchreiche zu stellen, und alles war geritzt. So glaubten wir jedenfalls...
Die Probe lief perfekt bis zu dem Chorauftritt im zweiten Akt. Gerade als die Fritten verteilt worden waren, ertönte ein lautes „Stop!“ aus der Regiereihe.
„Alles sofort aufhören! Stop! Ich kann so nicht arbeiten!“
Brouwers stürmte auf die Bühne, wie immer gefolgt von seinen drei Assistenten.
Schon bei anderen Gelegenheiten hatte ich aufgebrachte Regisseure gesehen. Solang man nicht selbst Ziel eines Angriffs wird, kann ihr Wutausbruch unterhaltsamer sein als jeder Theaterabend. Es ist beeindruckend zu sehen, wie sie fluchen, die Hände ringen und innerhalb weniger Minuten das ganze Repertoire pathetischer Operngesten durchspielen, das den Sängern auf der Bühne strengstens untersagt ist. Der Spaß vergeht einem nur dann, wenn man selbst Ziel eines Angriffs wird, so wie wir diesmal.
„Warum Mayonnaise auf der Bühne?“
Brouwers gestikulierte wild in der Luft herum. Er habe bei der Requisitenbesprechung eindeutig Ketchup angeordnet! Sein Inszenierungskonzept basiere auf Ketchup, denn Ketchup stehe für Entjungferung, Mayonnaise dagegen für nichts – und wenn schon für etwas, dann höchstens für Gleitmittel!! Und es sei ganz und gar nicht seine Absicht mit seiner Inszenierung Gleitmittel zu propagieren!!!
Natürlich verstand Ute nichts von dem, was er sagte, und ich noch weniger. Für Ute war eigentlich nur wichtig, dass die dicke Antonia, unsere Chorleiterin, lieber Mayonnaise mag als Ketchup. Die dicke Antonia hat nämlich das eigentliche Sagen am Theater. Das weiß jeder. Nur die Regisseure wissen das nicht.
Jetzt war aber eindeutig nicht der geeignete Zeitpunkt, dies dem mal wieder zum Jean-Claude mutierten Brouwers klarzumachen. Zudem würde er nicht verstehen, dass Ute noch jahrelang mit der dicken Antonia zu tun haben wird und deshalb gezwungen ist, sich mit ihr gut zu stellen. Ihm, dem großen Regisseur, ist so was egal. Er reist nach der Premiere ja ab.
Ute zuckte nicht mit der Wimper. In dieser heiklen Situation zeigte sich wieder mal, wie theatererfahren sie ist. Statt sich unnötig zu ereifern, warf sie die Mayonnaise diskussionslos in die Tonne und holte Ketchup her. Ab der zweiten Vorstellung würde sie ohnehin alles wieder zur allgemeinen Zufriedenheit ändern.
So war die Pommes-Krise schnell bewältigt und Brouwers hätte zufrieden zurück in die Regiereihe gehen können. Doch er wollte noch etwas Entscheidendes sagen und zeigte darum auf mich:
„Und du, Manneken, sorgst mir dafür, dass es immer genug Fritten gibt. Hier müssen überall Fritten hin, überall!“
Seinen Befehl untermalte er mit einer großen Handbewegung, die die ganze Bühne einschloss. Dann drehte er selbstgefällig eine Pirouette, um seinen Abgang zu machen. Da er direkt am Rand des Orchestergrabens stand und grad zuvor in einen Haufen Mayonnaise getreten war, den die dicke Antonia beim Vertilgen ihrer Pommes verkleckert hatte, schlitterte er rasant in den Abgrund. Seine drei speichelleckenden Assistenten, die sonst immer wie Schatten an ihm klebten, folgten ihm diesmal nicht. Nicht mal der mit den Selbstmordgedanken.
Auf einmal war es still im Theater. Nichts regte sich. Weil ich wusste, dass fast jeder Anwesende für Brouwers nur Rachegelüste hegte, dachte ich zuerst, jetzt tut sich gar nichts mehr. Die lassen den da unten einfach verrecken.
Nach drei Sekunden absoluter Stille aber kam plötzlich Bewegung in die Menge: Der Bühnenmeister rief den Rettungswagen, der Intendant ließ sich vom Verwaltungsdirektor die Versicherungspolicen bringen, der Inspizient ging vor Schreck erst einmal einen `Kurzen´ in der Kantine kippen, Ute begann mit den Aufräumarbeiten, und die Musiker packten ihre Instrumente ein, um sich davonzumachen. Das allerdings hatte nichts mit dem Unfall zu tun. Sie wären jetzt ohnehin gegangen, da ihre tariflich geregelte Arbeitszeit zu Ende ging.
Ob die dicke Antonia besser über die Gleitmitteleigenschaften von Mayo bescheid wusste als die anderen und absichtlich gekleckert hatte, ist noch ungeklärt. Aber schließlich ist sie die geheime Leiterin des Theaters und kann darum tun und lassen, was sie will. Ich mische mich da nicht ein, es geht mich auch nichts an. Schließlich bin ich nur zwangsverpflichteter Aushilfsrequisiteur.
 
 
 
 
Mittwoch, 26. Juni 2002
 
Frau Stepan grinst mich an. Ihre Augen blitzen spöttisch. Obwohl ich normalerweise ein gutes Gefühl für so was habe, kann ich ihr Alter nur schwer einschätzen. Sie wirkt ungeheuer selbstsicher und erfahren, hat ihren jugendhaften Charme aber nie abgelegt.
„Was magst du für Filme?“
„Wollen Sie mich ins Kino einladen?“
„Vielleicht.“
„Gut. Gehen wir.“
„Nicht heute.“
Was soll das nun? Bei Frau Stepan weiß man nie, was Sache ist. Wahrscheinlich liegt das an ihrem Fachgebiet. Oder daran, dass sie eine Frau ist. Frauen kommen nie direkt zum Punkt. Wenn sie etwas über dich wissen wollen, gehen sie Umwege. Sie ziehen aus deinen Antworten ihre eigenen mehrdeutigen Schlüsse. Selbst wenn man auf eine präzis gestellte Frage mit einem klaren „Ja“ oder „Nein“ antwortet, verstehen sie oft etwas anderes.
„Mir wurde gesagt, dass du gerne Actionfilme siehst. Welches ist denn dein Lieblingsfilm?“
 „Weiß nicht. Ich fand „Shrek“ ganz gut. Auch „Ice Age“ war okay.“
Ich bin mir sicher, sie hat eine andere Antwort erwartet. Doch ihr Gesicht verrät keine Regung. Da ich noch immer keinen Schimmer habe, was sie eigentlich von mir will, schaue mich im Büro um.
Rechts an der Wand hängt ein Photo in einem schlichten Wechselrahmen. Vorgestern war er noch nicht dort, da bin ich mir sicher. Ein kleiner Junge in rotem Pullover ist darauf zu sehen. Ob es ihr Sohn ist? Oder handelt es sich um einen Patienten, dessen Knacks sie besonders meisterhaft beseitigt hat?
Frau Stepan textet mich zu mit ihrem Wissen über Filme, Teenie-Bands und einen Amokläufer, der im Osten einen Haufen Lehrer umgenietet hat. Womöglich war es ein Fehler, letztes Mal so leichtfertig mit dem Reden anzufangen. Jetzt denkt sie womöglich, dass ich gerne seelische Probleme plattwalze. Als wäre ich jemand, der es genießt, anderen regelmäßig sein Herz auszuschütten.
Vielleicht handelt es sich bei dem Jungen um einen ungelösten Fall? Ihm hat sie nicht helfen können, und nun verfolgt sie sein Gesicht jede Nacht in ihren Träumen ...
Eigentlich ist Frau Stepan ganz hübsch. Wenn da nur nicht dieses kleine Muttermal links unterhalb der Nase wäre. Vielleicht kann man es rausschneiden?
„Statistiken besagen, dass Gewalttätigkeiten an Schulen in den letzten drei Jahren um 20% zugenommen haben. Wusstest du das?“
Ihr Büro ist gut aufgeräumt. Nirgendwo liegt was rum. Kein Briefbeschwerer auf dem Schreibtisch, keine Kunstskulpturen auf den staubfreien Ablagen und vor allem nirgends spitze Gegenstände. Ich habe das ganze Zimmer durchgecheckt. Da wäre höchstens das Glas von dem Bilderrahmen ...
Natürlich könnte ich sie nach dem Jungen fragen. Doch ich lass es bleiben. Wenn er ihr wichtig ist, wird sie von selbst auf ihn zu sprechen kommen. Schließlich müsste sie bemerkt haben, dass ich das Bild seit einigen Minuten unentwegt anstarre. Aber Frau Stepan folgt meinem Blick nicht, sondern redet ungerührt weiter:
„ ... deine Eltern machen sich Sorgen um dich ...“.
Damit mag sie sogar recht haben. Doch meine Alten verübeln mir nichts. Das weiß ich genau. Sie haben sich entschlossen, in meinem Verhalten eine Art `Krankheit´ zu sehen. Zwar wollen sie sich selbst nicht drum kümmern, hoffen aber, dass ich bald genese und wieder ein `normaler´ Junge werde.
„Ich habe mit Deinem Kunstlehrer telefoniert. Er sagte, du malst oft brennende oder sterbende Menschen. Warum tust du das?“
Ob das Bild von der Wand fällt, wenn ich es noch intensiver angucke? Vielleicht habe ich telekinetische Kräfte? Ich konzentriere mich und versuche, es ein wenig zu bewegen. Nichts geschieht.
„Hast du schon mal einen richtigen Toten gesehen?“
Warum sieht sie eigentlich nicht ein, dass mir einfach nicht nach Quatschen ist? Zwei Stunden stumm im Kino sitzen und einen Film gucken, das wäre genau das richtige gewesen. Ich fühle mich zu schlapp, um irrwitzige Diskussionen mit ihr zu führen.
„Helmut, würdest du dich als normal bezeichnen?“
Normal. Was ist schon normal? Der Junge auf dem Bild, ist der normal? Was für selbstverständlich gehalten wird, gilt allgemein als normal. Und selbstverständlich wird etwas dadurch, dass es meistens so ist.
Es kracht. Der Rahmen hat sich gelöst. Das Bild ist mit lautem Knall auf den Boden gefallen. Nun ist das Gesicht des lächelnden Jungen über und über mit Glassplittern bedeckt.
Keiner von uns steht auf, um die Scherben wegzuräumen. Frau Stepan tippt mit dem nackten Finger auf den vor ihr liegende Notizbüchlein. Es ist noch immer leer.
„Kommt es häufiger vor, dass Du Bilder anstarrst bis sie von der Wand fallen?“
Ich zucke die Schultern. Sie lächelt. Wahrscheinlich verbucht sie meine Geste als therapeutischen Erfolg. Wie leicht man doch manche Menschen glücklich machen kann ...
Dieser kleine Triumph scheint ihr vorerst auszureichen, denn sie stellt keine weiteren Fragen. Sie beginnt, mir etwas zu erzählen. Ich höre zu. Sie spricht von dem Jungen auf dem Photo, der wohl ein notorischer Lügner war. Ich sage nichts. Sie redet. Ich zähle die Scherben. Sie erzählt weiter. Ich bohre in der Nase. Offenbar stört sie sich nicht daran.